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Roderich Fels
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Roderich Fels, eigentlich Siegfried Rosenfeld (geboren 1844 in BrĂŒnn; gestorben am 13. September 1883 in Hamburg), war ein österreichischer Schauspieler, Dramaturg, Dramatiker und Librettist.
Contents
âą Leben
âą Familie
âą Wien
âą Berlin
âą Tod in Hamburg
âą Werke
âą Dramen
âą Libretti
âą Einzelnachweise
ââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââ
Leben
Familie
Er entstammte der seit dem 17. Jahrhundert in MĂ€hrisch Koritschan ansĂ€ssigen jĂŒdischen Familie Rosenfeld.cite-ref-1[1] Sein Vater Esoel Josef âPeppiâ Rosenfeld (ca. 1813â1878) betrieb im nahen BrĂŒnn ein âHauseinrichtungsdepot, umfassend den Handel mit allen Gattungen von Möbeln und ZimmereinrichtungsgegenstĂ€nden, dann Glas- und Porzellanwaaren,âcite-ref-2[2] seine Mutter Rosa (Rachel) Rosenfeld, geborene Kolisch (1813â1885), daneben eine GarkĂŒche. Ein Onkel mĂŒtterlicherseits ist der Journalist und RevolutionĂ€r Sigmund Kolisch, der 1848 in BrĂŒnn und Wien an den BarrikadenkĂ€mpfen der MĂ€rzrevolution teilnahm und nach ihrer Niederschlagung ins Exil fliehen musste, ein anderer Rudolf Wolf Kolisch (1803â1864), Herausgeber des BrĂŒnner Tags-Couriers.
Zu seinen elf Geschwistern zĂ€hlen Viktor Rosenfeld (1852â1919), seinerzeit einer der geachtetsten Strafverteidiger Wiens, Laura Henschel-Rosenfeld (1857â1944), die vor allem durch ihre Beziehung zu dem Maler Maurycy Gottlieb bekannt ist, sowie Carl Rosenfeld (1850â1915) und Theodor Rosenfeld (1851â1907), die ĂŒber Jahrzehnte zunĂ€chst in Wien, dann in Berlin und in der Zwischenzeit in den Vereinigten Staaten gemeinsam als Theaterunternehmer tĂ€tig waren. Theodors Tochter Eva Rosenfeld (1892â1977) war eine Analysandin Sigmund Freuds und machte sich spĂ€ter selbst einen Namen als Psychoanalytikerin. Zu Siegfried Rosenfelds Cousins zĂ€hlen der Schriftsteller und Zionist Oskar Rosenfeld (1884â1944) und der expressionistische Dichter Jakob van Hoddis (eigentlich Hans Davidsohn, 1887â1942), die ebenso wie Laura Henschel-Rosenfeld und weitere Familienmitglieder im Holocaust ermordet wurden.
Aus Siegfried Rosenfelds Ehe mit Franja Rosenfeld (ca. 1838â1898) ging ein Sohn hervor, der den Namen Rosenfeld gleichfalls ablegte und sich Walter Dahle (1868â1936) nannte. Bis zu seiner Emigration im Jahre 1933 leitete dieser in Berlin-Hermsdorf ein Pensionat fĂŒr Knaben mit schulischen und hĂ€uslichen Problemen (von mindestens einem seiner Zöglinge âDr. Dahles Irrenanstaltâ genannt).cite-ref-3[3]
Wien
Siegfried Rosenfeld versuchte sich zunĂ€chst mit mĂ€Ăigem Erfolg als Schauspieler, bis er im September 1875 die kĂŒnstlerische Leitung der Komischen Oper Wien ĂŒbernahm. Ein huldvolles PortrĂ€t, das aus diesem Anlass im Floh erschien, behauptete, dass Rosenfeld 1867 bei einem seiner Auftritte im Kurtheater zu Wildbad im Schwarzwald die Aufmerksamkeit des Herzogs von Sagan erregt habe und dank dessen FĂŒrsprache von Botho von HĂŒlsen fĂŒr ein Gastspiel am Königlichen Hoftheater nach Berlin geladen wurde, das so erfolgreich war, dass ihm auf der Stelle ein festes Engagement angeboten wurde. Dieses Angebot schlug er angeblich aus, um stattdessen die Leitung des Stadttheaters in Marburg an der Drau zu ĂŒbernehmen.cite-ref-4[4] Diese Angaben erscheinen aber kaum glaubwĂŒrdig, zumal dem Artikel nicht zu entnehmen ist, dass Rosenfeld seine Anstellung als âartistischer Directorâ der Komischen Oper seinen BrĂŒdern Carl und Theodor verdankte, die kurz zuvor den Pachtvertrag und die GeschĂ€ftsleitung dieser vom Unstern verfolgten BĂŒhne ĂŒbernommen hatten. Die Neue Freie Presse wusste zum gleichen Anlass nur zu berichten, dass Rosenfeld einst ein nicht nĂ€her benanntes österreichisches âProvinztheaterâ geleitet habe; als Schauspieler habe er einige Male âmit wechselndem Erfolgeâ am Burgtheater gastiert und âjĂŒngstâ ein Engagement am Strampfer-Theater gefunden, âin welchem er der Kritik wenig Gelegenheit bot, sich ĂŒber seine Leistungen zu Ă€uĂern. Das ist Alles, was uns ĂŒber den neuen Director bekannt ist. Ob diese kĂŒnstlerischen Antecedentien ausreichen, ihn zur Leitung einer ersten BĂŒhne in der Hauptstadt zu befĂ€higen, und ob er Bildung und Thatkraft genug besitzt, um fĂŒr das so arg discreditirte Institut das Publicum wieder zu interessiren, muĂ die Zukunft lehren.âcite-ref-5[5] In keinem der beiden Artikel sind Rosenfelds schriftstellerische Ambitionen erwĂ€hnt, denen indes auch kein Erfolg beschieden war. Seine ErzĂ€hlung Barbara Ubryk, oder Die Krakauer Klostergeschichte (offenbar Rosenfelds einziges Prosawerk) wurde 1871 noch vor ihrer Veröffentlichung von der k.u.k.-Zensur kassiert.cite-ref-6[6] TatsĂ€chlich war Rosenfelds Gastspiel am Burgtheater von kurzer Dauer; zwischen dem 23. und dem 30. Oktober 1873 stand er hier ganze drei Mal auf der BĂŒhne, stets in komischen Rollen: als Schummrich in Roderich Benedixâ Die zĂ€rtlichen Verwandten, als Onkel Baumann in Alexander Elzens Er ist nicht eifersĂŒchtig sowie als Ritter Rochferier in Eine Partie Piquet von Narcisse Fournier und Henri Horace Meyer.cite-ref-7[7]
Die Rosenfeldsche Unternehmung an der Komischen Oper im Winter 1875â1876 scheiterte ebenso rasant wie katastrophal und wurde von der Wiener Presse teils amĂŒsiert, teils entsetzt, jedenfalls aufmerksam verfolgt. Wie es rĂŒckblickend im Feuilleton der Wiener Sonntags-Post hieĂ, schien es zunĂ€chst,
âals verfĂŒge Herr Rosenfeld ĂŒber genĂŒgende Capitalien, um wenigstens eine gewisse StabilitĂ€t in den VerhĂ€ltnissen dieser schicksalsreichen BĂŒhne zu erhalten. Allein bereits nach vierzehn Tagen zog sich sein Bruder, der eigentliche Geldmann, zurĂŒck, nachdem er das VergnĂŒgen, zwei Wochen lang finanzieller Director des Unternehmens gewesen zu sein, mit 30.000 fl. gebĂŒĂt hatte. Katastrophe Nr. 5. Herr Siegfried Rosenfeld aber, von nicht gewöhnlichem Muthe beseelt, nahm Alles auf und ĂŒber sich, und versuchte, das Theater ohne Betriebscapital weiter zu fĂŒhren. Inwieweit und bis zu welchem Zeitpunkt ihm dies gelang, ist noch in Aller GedĂ€chtnis. Der schlechte Besuch des Theaters zwang ihn zur Niederlegung des Scepters. Katastrophe Nr. 6.âcite-ref-8[8]
In den vier Monaten seiner Intendanz setzte Siegfried Rosenfeld dem ohnehin schon ramponierten kĂŒnstlerischen Ruf des Hauses schwer zu. Dass Rosenfeld seine OpernbĂŒhne noch vor der offiziellen Neueröffnung fĂŒr allerdings gut besuchte Auftritte des ZauberkĂŒnstlers Compars Herrmann hergab, war wenig geeignet, BefĂŒrchtungen ĂŒber fortgesetzte Niveauabsenkung zu zerstreuen. Rosenfelds DebĂŒt (als Regisseur und zugleich als Darsteller) war die burleske Revue Cleopatra; oder Durch Jahrtausende; sie wurde vom Publikum noch recht freundlich aufgenommen, von den Kritikern hingegen verrissen. Ăhnlich erging es der Operette Fanfarullo von Joseph Wirth, die er im Januar 1876 auf die BĂŒhne brachte.cite-ref-9[9] Mit Empörung wurde im Februar die Nachricht aufgenommen, dass Rosenfelds Orchestermusiker fĂŒrderhin ohne zusĂ€tzliche Gage nicht nur einmal am Tag, sondern zusĂ€tzlich in neu eingefĂŒhrten und mit verbilligten Eintrittskarten beworbenen Nachmittagsvorstellungen aufspielen sollte. Da selbst die regulĂ€ren Gagen bald nicht mehr ausgezahlt werden konnten, wurde der Spielbetrieb im Februar ganz eingestellt.
Berlin
BĂŒhnenstĂŒcke
Nach dem Wiener Debakel siedelten die drei Rosenfeld-BrĂŒder nach Berlin ĂŒber. Carl und Theodor Rosenfeld traten hier in den folgenden Jahren unter anderem als PĂ€chter des Belle-Alliance-Theaters in Erscheinung, in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg als Leiter des Linden-Cabarets. Siegfried Rosenfeld versuchte sich seinerseits als StĂŒckeschreiber und verfasste unter dem Pseudonym Roderich Fels in den nĂ€chsten Jahren eine Reihe historischer Dramen, denen allerdings wenig Erfolg beschieden war. Der Einakter Kornblumen ĂŒber die Verlobung Friedrich Wilhelms von Brandenburg, des âGroĂen KurfĂŒrstenâ, mit Luise Henriette von Oranien wurde am 16. August 1878 am Berliner Residenz-Theater uraufgefĂŒhrt und beeindruckte Kritiker vor allem durch seine plumpe Anbiederung an das preuĂische Herrscherhaus â Kornblumen waren die Lieblingsblumen Kaiser Wilhelms. Wie der Rezensent von Ăber Land und Meer mit verhaltenem Spott berichtet, trĂ€gt sich die Handlung zu, als Friedrich
âkurz vor seinem Regierungsantritt auf Anstiften Frankreichs und seines Kardinals Richelieu mit der Prinzessin Ludovica von der Pfalz verheiratet werden sollte. Dieses BĂŒndnis, welches den KurfĂŒrsten in eine demĂŒthigende AbhĂ€ngigkeit von Frankreich gebracht hĂ€tte, wurde noch rechtzeitig hintertrieben und zwar durch den eigenen krĂ€ftigen Willen des jungen Kurprinzen, der in einer recht bedeutungsvoll geschriebenen Szene mit der Prinzessin Luise Henriette von Oranien â seiner spĂ€teren ersten Gemahlin â zu der schnellen ErkenntniĂ gelangt, daĂ ein deutscher FĂŒrst nur die RĂŒcksichten auf das Reich und sein eigenes Volk kennen soll. Die âKornblumenâ in Gestalt eines BlumenstrauĂes, welchen in jener Szene die Prinzessin von Oranien dem jungen Kurprinzen als Symbol der BestĂ€ndigkeit und Treue ĂŒberreicht, spielen in dieser geschichtlichen Episode freilich nur eine Nebenrolle, welche bloĂ gestattet, patriotische Anspielungen an diese Lieblingsblume unseres Kaiserlichen Herrn dahin anzuknĂŒpfen, dass der junge Kurprinz die jetzige GröĂe und Einheit des Vaterlandes unter der Aegide eines seiner Nachkommen aus dem Hause der Hohenzollern vorhersagt. Das gut gemeinte, mit warmer patriotischer Hingabe an den Stoff geschriebene StĂŒck hatte einen Achtungserfolg.âcite-ref-10[10]
Deutlicher wurde der Kritiker der Gegenwart, der lÀsterte, dass Fels
âauf widerliche Weise auf die widerwĂ€rtige HyperloyalitĂ€t, die sich jetzt schweifwedelnd breit macht, speculiert. Ein so geschmackvolles Theater wie das Residenztheater sollte dem phrasenhaften Patriotismus, der jeden feinfĂŒhligen Menschen und namentlich jeden anstĂ€ndigen Menschen geradezu anwidert, die ThĂŒr verschlieĂen. Mit solchem bombastischen Geklingel ruft man wahrhaftig nicht die Begeisterung fĂŒr das Haus eines verehrten und geliebten Monarchen hervor, sondern nur das SchamgefĂŒhl [âŠ] so geschmacklos, so traurig, so verstimmend wie in diesen âKornblumenâ ist noch nie prophezeit worden. Der KurfĂŒrst Friedrich Wilhelm, der mit der hollĂ€ndischen Bauernprinzessin Luise zusammentrifft, sagt etwa: âLuise, o, das ist ein schöner Name! Vielleicht wird dieser Name noch einmal von einer geliebten FĂŒrstin auf dem Thron der Hohenzollern getragen werden, und der Sohn dieser Luise wird den Traum der deutschen Einheit verwirklichen, und er wird die Kornblumen lieben.â Er hĂ€tte noch fortfahren sollen: âUnd dann wird ein Mann erstehen, der Roderich Fels heiĂt, und er wird daraus ein StĂŒck machen, das trotz aller loyalen BelleitĂ€ten gar nichts werth ist.ââcite-ref-11[11]
Es folgte der abendfĂŒllende FĂŒnfakter GrĂ€fin Kozierowska, der mit Marie Barkany in der Hauptrolle am 11. Dezember 1879 am Ostend-Theater Premiere feierte. Er wurde vom Publikum sehr wohlwollend aufgenommen, ins Repertoire der BĂŒhne aufgenommen und konnte sich bis zum August 1880 auf dem Spielplan halten. Zwar bemĂ€ngelte der Kritiker der Berliner Börsen-Zeitung, dass die Handlung etwas abenteuerlich erscheine und arg an die Romane erinnere,
âdie in den vierziger Jahren in der Mode waren, wo noch alle Welt fĂŒr die brennende polnische Frage sich interessirte; allein der von Hause aus epische Stoff ist glĂŒcklich dramatisirt und durch geschickte, prĂ€gnante FĂŒhrung der Scenen recht lebendig gestaltet. GroĂes Lob verdient auch die scharfe Charakteristik der einzelnen Figuren [âŠ] Der Dialog ist durchweg mit groĂer Gewandtheit behandelt und von Kalauern und den in den modernen StĂŒcken ĂŒblichen hohlen Phrasen und GemeinplĂ€tzen ziemlich frei gehalten. Man empfĂ€ngt den Eindruck, ein Werk vor sich zu haben, daĂ trotz mancher SchwĂ€chen durch seine sorgfĂ€ltige Ausarbeitung ĂŒber die Durchschnittsliteratur hervorragt. Das locale Colorit ist so glĂŒcklich getroffen, daĂ man fast vermeinen möchte, das Schauspiel sei aus dem Polnischen ins Deutsche ĂŒbersetzt. Bei so vielen VorzĂŒgen ist es doppelt bedauerlich, daĂ der Conflict etwas veraltet ist. Wer erwĂ€rmt sich noch sonderlich jezt, wo der Nihilismus die ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht, fĂŒr den HaĂ zwischen Polen und Russen? Man empfindet jede Erinnerung daran fast wie einen Anachronimus. WĂ€re das Fels'sche StĂŒck vor dreiĂig Jahren geschrieben worden, so hĂ€tte es wahrscheinlich einen Sensationserfolg errungen.cite-ref-12[12]â
Die Wiener Theater-Chronik vermeldete allerdings, dass das hier und fortan unter dem Titel Jadwiga firmierende StĂŒck in Gotha eine âsehr kĂŒhle Aufnahmeâ fand:
âWarum aber hat âJadwigaâ nicht angesprochen? âJadwigaâ, ein SensationsstĂŒck, ist eigentlich nur geschrieben, um einer Schauspielerin Gelegenheit zu geben, sich als KĂŒnstlerin producieren zu können. Der Aufbau der Handlung ist schwerfĂ€llig und bei ermĂŒdend langer Exposition befriedigt der SchluĂ in keiner Weise, wĂ€hrend durch NebensĂ€chliches, durch Episoden, zur Handlung als unnĂŒtzes Beiwerk angefĂŒgt, geradezu störend gewirkt, und man oft zur Frage hingedrĂ€ngt wird: âWozu nun das wieder?ââ
FĂŒr seine beiden letzten âromantischen Schauspieleâ wĂ€hlte Felsâ mittelalterliche Sujets nach Gedichten von Heinrich Heine: eines behandelt die historischen Schelme von Bergen, das andere den von Heine in einer seiner bekanntesten Balladen besungenen Ritter Olaf; beide wurden auch in Reclams Universalbibliothek aufgelegt.
Libretti
Ferner schrieb Fels alias Rosenfeld Libretti fĂŒr zwei zeittypisch âromantischeâ Opern von Heinrich Hofmann (Aennchen von Tharau, UA am 6. November 1878 im Neuen Stadttheater am Dammtor, Hamburg, und Wilhelm von Oranien, UA am 5. Februar 1882 ebenda), ein weiteres fĂŒr Carl Gramanns Historienoper Das Andreasfest (UA an der Hofoper Dresden am 30. November 1882), und lieferte ferner den szenischen Entwurf fĂŒr Adalbert ĂberlĂ©es König Ottoâs Brautfahrt (UA am 7. Mai 1881 an der Königlichen Oper zu Berlin).
FĂŒr die deutsche ErstauffĂŒhrung von BedĆich Smetanas Oper Zwei Witwen 1881 gab der Hamburger Theaterdirektor Bernhard Pollini eine Bearbeitung bei Fels in Auftrag, ohne das mit Smetana abzusprechen,cite-ref-13[13] weil er die ihm vorliegende Ăbersetzung von Josef Srb-Debrnov fĂŒr ungeeignet hielt.cite-ref-14[14] Fels ging mit dem Libretto allerdings sehr frei um: Er verlegte den Schauplatz aus Böhmen in die französische Provence, die Zeit von der Gegenwart in das letzte Drittel des 18. Jahrhunderts, Ă€nderte alle Namen und griff weitreichend in die Struktur des Werks ein. Aus den zwei Akten des Originals machte er drei.cite-ref-15[15] Den Hamburger Musikkritikern fiel das auf, obwohl sie das tschechische Original wohl kaum kannten. August Ferdinand Riccius meinte in den Hamburger Nachrichten, der âin theatralischen Arbeiten wohlerfahrene Roderich Felsâ habe es ânicht ohne Geschickâ vermocht, mit seinem Textbuch dem Werk LebensfĂ€higkeit auf deutschen OpernbĂŒhnen zu verschaffen. Dennoch blieben âunversöhnte WidersprĂŒcheâ. Man finde sich zum Beispiel nur schwer in die Zumutung, dass das französische Landvolk in slawischen Melodien und Rhythmen singe. Auch der Ton sei nicht immer gut getroffen, die âursprĂŒngliche Sentimentalitat und naive Heiterkeitâ verkehre sich bisweilen in âpikantes und ungeniertes Operettenwesenâ.cite-ref-16[16] SchĂ€rfer urteilte Ludwig Meinardus im Hamburgischen Correspondent: Ihm zufolge hĂ€tte die Oper wirkungsvoller sein können, wenn die Dichtung nicht ein âempfindliches MissverhĂ€ltnisâ mit der Musik gebildet hĂ€tte. Der Ăbersetzer sei natĂŒrlich nicht fĂŒr die âhandlungslosen LĂ€ngenâ des Textbuchs verantwortlich zu machen, wohl aber fĂŒr eine âNeigung zu einer burschikosen Ausdrucksweiseâ, die nicht zu den Figuren passe. Es sei auch âunschicklichâ, die feine Komik der Musik âdurch absichtlich oder ohne Absicht holperig gestaltete Verse zu wĂŒrzenâ, etwa wie in diesem Reim: âDas denk mir ich/nicht sehr schwierig.âcite-ref-17[17] Smetana erfuhr von der Umarbeitung erst nach der ErstauffĂŒhrung. Auch erfuhr er erst zu diesem Zeitpunkt, dass Pollini die Publikationsrechte an den Musikverlag Bote & Bock verkauft hatte und der Verlag Nachkompositionen wĂŒnschte. Er protestierte heftig. Insbesondere verwahrte er sich gegen die Verlegung des Schauplatzes nach Frankreich. Seine Musik sei ârein tschechischâ und lasse sich nirgendwo anders denken als in Böhmen. Sie gehöre zudem in die Gegenwart und passe ĂŒberhaupt nicht ins Rokoko. KĂŒrzungen lasse er sich gefallen, aber keinesfalls Ănderungen oder gar Neukompositionen. Speziell auf Applaus berechnete Wendungen seien seinem Werk unangemessen, nicht eine Note werde er zu solchen Zwecken hinzufĂŒgen.cite-ref-18[18]
Tod in Hamburg
Zu Rosenfelds TodesumstĂ€nden finden sich in der Literatur verschiedene Versionen: so berichtet Franz BrĂŒmmers Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten von 1885, er habe sich âan heftigen gichtigen Schmerzen leidend [âŠ] bei einer Morphiumeinspritzung eine Arterie verletzt, infolge dessen ein plötzlicher Tod am 13. Septbr. 1883 in Hamburg, wo er am Tage vorher angekommen war, seinem Leben ein Ende machte.âcite-ref-19[19] Das Deutsche Theaterjahrbuch 1892 schreibt zum einen Ă€hnlich verdruckst, Rosenfeld sei âdurch unbeabsichtigtes oder beabsichtigtes Versehen bei einer Morphiumeinspritzungâ zu Tode gekommen, zum anderen an gleicher Stelle aber auch rundheraus von âSelbstmordâ.cite-ref-20[20] Eduard Hanslick hingegen behauptete 1885 angelegentlich einer AuffĂŒhrung von Gramanns Andreasfest, Rosenfeld habe âseinem bewegten und gequĂ€lten Leben kĂŒrzlich durch einen Pistolenschuss ein Ende gesetztâ,cite-ref-21[21] und dĂŒrfte der Wahrheit damit wohl am nĂ€chsten gekommen sein, wie ein detaillierter Bericht nahelegt, der am 20. September 1883 im Salzburger Volksblatt erschien:cite-ref-22[22]
âIn Hamburg ist der Schriftsteller Roderich Fels (der ehemalige Direktor der Wiener Komischen Oper Rosenfeld) dieser Tage plötzlich gestorben. Ueber den unmittelbaren AnlaĂ zu diesem plötzlichen Tode erfĂ€hrt man, daĂ er seine letzte Hoffnung auf ein neues StĂŒck: âDie Ehe des Orestesâ gesetzt und dessen AuffĂŒhrung am Hamburger Stadttheater angeblich betrieben hatte. Das âKl. J.â [d. i. das Kleine Journal, ein in Berlin erscheinendes Klatschblatt] berichtet darĂŒber: »Nachdem Fels am Mittwoch beim Direktor Pollini gespeist, begann in Gegenwart der Regisseure Buchholz, Hock und Löwenfeld, zu denen sich noch der Vertreter einer Berliner Theater-Agentur gesellt hatte, die Vorlesung. Fels war frĂŒher selbst Schauspieler, und so kann man leicht begreifen, daĂ der Dichter sehr bald in groĂe Aufregung gerathen war. Schon nach dem zweiten Akt erhob sich Pollini, legte dem Dichter jovial die HĂ€nde auf die Schulter und sagte: âQuĂ€len Sie sich nicht unnĂŒtz! Die Sache ist verfehlt!â Fels starrte ihn groĂ an â es entstand eine lange, lange Pause, dann wiederholte er tonlos: âVerfehlt!â Noch immer ahnte Pollini nicht, wie tief die Hoffnung gerade auf dieses StĂŒck in des Dichters Seele Wurzel gefaĂt, und so ergĂ€nzte er sich: âDas mag ein Roman sein â ein TheaterstĂŒck ist es nicht!â Ein Lachen der Verzweiflung war die Antwort. Pollini versuchte den UnglĂŒcklichen zu beruhigen. Er werde statt dieses StĂŒckes âOlaf und Hialfaâ auffĂŒhren. Fels habe ja gar keinen Grund, nicht weiter zu schreiben &c. &c. Roderich Fels nahm sein Buch und ging. Am Donnerstag Mittags erschien er noch einmal im Bureau des Stadttheaters und fragte, ob er vielleicht Ă conto der kĂŒnftigen Tantieme von âOlafâ eine gröĂere Summe erheben könnte. Aber da Pollini dieses StĂŒck noch gar nicht kannte, lehnte er das Gesuch des Autors ab. Zwei Stunden darauf wurde aus dem Hotel, in welchem Roderich Fels abgestiegen war, dessen Tod gemeldet â Fels hatte sich erschossen.«â
Die Version, der zufolge er vielmehr versehentlich an einer verunglĂŒckten Gabe von Morphium starb, dĂŒrfte auf ein âZirkularâ seines Bruders Theodor Rosenfeld an die Redaktionen der deutschen und österreichischen Tagespresse zurĂŒckgehen, in dem er die oft reiĂerische, im Kern aber wohl wahrheitsgemĂ€Ăe Berichterstattung zum Tod seines Bruders zu âkorrigierenâ versuchte:
âHeute, Sonntag dreiviertel 11 Uhr, fand die Beerdigung meines Bruders, des Schriftstellers Roderich Fels, am hiesigen katholischen Friedhofe statt. Dem gelegentlich geĂ€uĂerten Wunsche des Verstorbenen entsprechend, geleiteten ihn blos sein Sohn und die allernĂ€chsten Verwandten zur letzten RuhestĂ€tte. Von zahlreichen Vereinen und Privatpersonen liefen prachtvolle KrĂ€nze und viele Kundgebungen ein, fĂŒr welche ich im Namen des Sohnes des Todten und meiner ganzen Familie den innigsten Dank ausspreche. Mein Bruder, der bei zeitweiligen heftigen Schmerzen Morphium-Einspritzungen zu machen pflegte, hat sich am Abend des letzten Donnerstag bei einer derartigen Operation eine Arterie verletzt, wodurch ein Lungenschlag eintrat, der seinen sofortigen Tod nach sich zog. Aerztliche Hilfe kam leider zu spĂ€t. DaĂ das bei dieser Gelegenheit vorgefundene Morphium AnlaĂ zu traurigen SchluĂfolgerungen gegeben zu haben scheint, darf ich wohl bitten, in Ihrem werthen Blatte von dem oben Gesagten Notiz zu nehmen.âcite-ref-23[23]
Das Znaimer Wochenblatt bemerkte dazu, dass schon zu seiner Wiener Zeit allgemein bekannt gewesen sei, âdaĂ Rosenfeld ein sehr starker Morphium Esser sei; er konnte sich nur mehr durch Morphium aufrecht erhaltenâ, und bekrĂ€ftigte trotz Theodors Eingabe die Version, dass Fels Hand an sich gelegt habe.cite-ref-24[24]
âUm ihre Mutter zu schonenâ schrieben ihr Theodor und Viktor Rosenfeld, deren Handschrift der Siegfrieds Ă€hnelte, bis zu ihrem Tod im Jahre 1886 vorgeblich vom Bruder verfasste Postkarten, in denen sie ihr versicherten, dass es ihm gut gehe.cite-ref-25[25]
Werke
Dramen
âą Kornblumen. Historische Episode in 1 Akt. 1878.
âą Der Schelm von Bergen. Romantisches Schauspiel in 5 AufzĂŒgen. Reclam, Leipzig o. J. [ca. 1882]. Digitalisat
⹠Jadwiga (GrÀfin Kozierowska). Schauspiel in 5 Akten. Bloch, Berlin 1880.
âą Olaf. Schauspiel in 5 AufzĂŒgen. Reclam, Leipzig o. J. [ca. 1882] Digitalisat
Libretti
âą Aennchen von Tharau. âLyrische Oper in drei AufzĂŒgenâ. Musik von Heinrich Hofmann. Erler, Berlin 1878. Digitalisat.
âą Wilhelm von Oranien. âGroĂe Romantische Oper in drei AufzĂŒgenâ. Musik von Heinrich Hofmann. Breitkopf & HĂ€rtel, Leipzig und Wiesbaden, o. J. [ca. 1880]. Digitalisat
âą Das Andreasfest. âRomantische Oper in drei AufzĂŒgenâ. Musik von Carl Gramann. C. Koepfel, Berlin, 1881.
Einzelnachweise
cite-note-11. â Zur Familiengeschichte siehe den Exportkatalog Rosenfeld: Eine Familiengeschichte in Briefen, Fotos, BĂŒchern, Dokumenten. Hrsg. vom Antiquariat Georg Fritsch, Wien 2001.
cite-note-22. â Handels- und Gewerbe-Adressbuch des österreichischen Kaiserstaates, enthaltend: die sĂ€mmtlichen, nach dem neuen mit 1. Juli 1863 ins Leben getretenen Handelsgesetze erfolgten Eintragungen in die Einzeln- und Gesellschafts-Register mit Angabe der ProcurafĂŒhrer, der Ehepacten und der RechtsverhĂ€ltnisse bei Gesellschaftsfirmen. Hrsg. von Leopold Kastner. Beckâsche UniversitĂ€tsbuchhandlung, Wien 1867, S. 224.
cite-note-33. â Avigdor Ben-Trojan: âIch denke oft an Onkel Franzâ: JĂŒdische Spurensuche in Reinickendorf. Boesche Verlag, Berlin und Haifa 2004, S. 83.
cite-note-44. â Der Floh vom 24. Oktober 1875, S. 5 (Digitalisat in der Online-Sammlung des Wien Museums).
cite-note-55. â Theater- und Kunstnachrichten. In: Neue Freie Presse vom 22. September 1875, S. 7 (Digitalisat).
cite-note-66. â Siehe hierzu: Gertrude Langer-Ostrawsky: Der Rote Strich des Zensors: Kabarett-Texte aus dem Bestand Theaterzensur im Niederösterreichischen Landesarchiv, in: Sichtungen. Archiv-Bibliothek-Literaturwissenschaft 6/7, Wien 2005, 223â251.
cite-note-77. â Otto Rub: Das Burgtheater: Statistischer RĂŒckblick auf die TĂ€tigkeit und die PersonalverhĂ€ltnisse wĂ€hrend der Zeit vom 8. April 1776 bis 1. Januar 1913. Gelegentlich des 25jĂ€hrigen Bestehens des neuen Hauses am 14. Oktober 1913. P. Knepler, Wien 1913, S. 256.
cite-note-88. â Wiener Sonntags-Post vom Sonntag, dem 5. MĂ€rz 1876, S. 13.
cite-note-99. â MarkĂ©ta Ć tÄdronskĂĄ: Komische Oper (Ringtheater): Ein âlieblicher Traum von einer eigenen OpĂ©ra comique fĂŒr Wienâ. In: Archiv fĂŒr Musikwissenschaft, Jahrgang 74, Heft 3, 2017, S. 228â229.
cite-note-1010. â Ăber Land und Meer, Jahrgang 20, Band 40, Heft 49, S. 1011, Sp. 2.
cite-note-1111. â Die Gegenwart: Wochenschrift fĂŒr Literatur, Kunst und öffentliches Leben. Band 14, Heft 36, vom 7. September 1878, S. 155, Sp. 1.
cite-note-1212. â Zitiert nach: Europa: Chronik der gebildeten Welt 1879, Heft 52, Sp. 2491.
cite-note-1313. â Arnold Jacobshagen: Smetanas Opern auf den BĂŒhnen des deutschsprachigen Raumes. In: Musicologica Olomucensia, Jg. 27 (2018), S. 218â234, hier: S. 227.
cite-note-1414. â Brian Large: Smetana. Praeger, New York und Washington 1970, S. 248.
cite-note-1515. â John Tyrrell: Two Widows, The [DvÄ vdovy]. Grove Music Online, im Druck 1992 erschienen, online 2002; Brian Large: Smetana. Praeger, New York und Washington 1970, S. 248â251.
cite-note-1616. â Anon. (August Ferdinand Riccius): Zwei Witwen. In: Hamburger Nachrichten, 30. Dezember 1881. Nachgedruckt in Jan Löwenbach: BedĆich Smetana a Dr LudevĂt ProchĂĄzka: vzĂĄjemnĂĄ korrespondence. UmÄleckĂĄ Beseda, Prag 1914, S. 125â129.
cite-note-1717. â Ludwig Meinardus: Stadt-Theater. Mittwoch, den 28. Dezember. In: Hamburgischer Correspondent, 30. Dezember 1881. Nachgedruckt in Jan Löwenbach: BedĆich Smetana a Dr LudevĂt ProchĂĄzka: vzĂĄjemnĂĄ korrespondence. UmÄleckĂĄ Beseda, Prag 1914, S. 121â124.
cite-note-1818. â Brief von Smetana an LudevĂt ProchĂĄzka vom 5. Februar 1882. In: Jan Löwenbach: BedĆich Smetana a Dr LudevĂt ProchĂĄzka: vzĂĄjemnĂĄ korrespondence. UmleckĂĄ Beseda, Prag 1914, S. 81â83, archive.org. Eine deutsche Ăbersetzung findet sich in: Badener Zeitung, 6. Juni 1936, S. 2, ANNO.
cite-note-1919. â Fels, Roderich, in: Franz BrĂŒmmer: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten des 19. Jahrhunderts, Band 1 (A-L). Reclam, Leipzig 1885, S. 197.
cite-note-2020. â Rosenfeld, S., in: Karl Wiesendahl (Hrsg.): Deutsches Theaterjahrbuch: Ein bibliographisches und biographisches Handbuch der dramatischen Litteratur der Gegenwart fĂŒr Theater- und Litteraturfreunde, Band 1. Cassirer & Danziger, 1892, S. 158.
cite-note-2121. â Eduard Hanslick: Musikalisches Skizzenbuch (Der âModernen Operâ IV. Theil.) Allgemeiner Verein fĂŒr deutsche Literatur, Berlin 1888, S. 52.
cite-note-2222. â EnttĂ€uschte Hoffnungen. In: Salzburger Volksblatt vom Donnerstag, dem 20. September 1883, S. 6, Sp. 2â3 (Digitalisat).
cite-note-2323. â Zitiert nach: MĂ€hrisches Tagblatt vom 21. September 1883, S. 5â6.
cite-note-2424. â Roderich Fels. In: Znaimer Wochenblatt vom Samstag, dem 29. September 1883, S. 6â7 (Digitalisat).
cite-note-2525. â Rosenfeld: Eine Familiengeschichte in Briefen, Fotos, BĂŒchern, Dokumenten. Hrsg. vom Antiquariat Georg Fritsch, Wien 2001, nicht paginiert.